Der Nachtdieb

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Es war schon Schlafenszeit und der kleine Michael war furchtbar müde, als er durch einen Spalt in der Gardine aus seinem Fenster hinausschaute. Doch draußen war es immer noch hell. „Komisch“, dachte er, „es müsste doch schon längst dunkel sein!“ Sein Blick fiel auf die niedliche Wanduhr mit den vielen Tieren darauf, die er von seiner Oma geschenkt bekommen hatte. Neun Uhr abends! Er schaute wieder nach draußen. Die Sonne strahlte, als wäre sie gerade erst aufgegangen.

In dem Moment, als er die Gardine ganz zuziehen wollte, setzte sich ein pechschwarzer Vogel auf die Fensterbank. „Ich bin der Nachtdieb, ich bin der Nachtdieb“, krächzte das kleine Federvieh und hüpfte dabei von einem Bein auf das andere. „Was meinst du?“, fragte ihn Michael neugierig. „Ich habe euch die Nacht gestohlen und gebe sie nun nie wieder her!“ „Aber dann können wir doch nicht schlafen“, erwiderte Michael aufgeregt. „Das kannst du doch nicht machen!“ „Du musst mich verstehen“, begann der Vogel zu erklären, „nachts werde ich häufig übersehen, weil ich so schwarz bin, und das möchte ich nicht mehr! Erst neulich bin ich mit einer riesengroßen Taube zusammengestoßen.“

„Da muss es doch eine andere Möglichkeit geben!“, entgegnete Michael. „Hmmm, pass auf, ich habe eine Idee! Wenn ich dich für alle sichtbar mache, dann gibst du uns Menschen die Nacht zurück!“ Der Vogel überlegte kurz, aber dann willigte er in den Vorschlag ein. Michael rannte aus seinem Kinderzimmer direkt in die Küche, öffnete einen Schrank und nahm eine riesige Schüssel heraus. Er griff zu einer großen Tüte und kehrte zum Fenster zurück, füllte den Inhalt hinein und schüttete dem pechschwarzen Vogel die ganze Schüssel über den Kopf.

„He, was machst du da?“ Der Vogel war von oben bis unten weiß wie Zuckerwatte. Michael hatte ihn komplett mit Mehl eingepudert und nun erstrahlte der Nachtdieb in einem herrlichen Weiß! „So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt“, zwitscherte ein sichtlich verärgerter Vogel. „Du hast mich reingelegt, aber ein Versprechen ist ein Versprechen…“ Und mit einem Schlag wurde es stockdunkel. Die Nacht kehrte zurück. Als der Vogel sein Spiegelbild im Fenster sah, musste er auf einmal laut lachen und Michael lachte auch. Von da anwaren die beiden gute Freunde!

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